Die burgenländisch-jüdischen Opfer der NS-Zeit

Vorläufiges Ergebnis und Auswertung

Die genaue Zahl jener Juden und Jüdinnen aus dem Burgenland, die zwischen 1938 und 1945 ermordet oder Opfer der unmenschlichen Lebensbedingungen wurden, konnte bislang noch nicht genau ermittelt werden. Auch nicht die Zahl derjenigen, die in östliche Nachbarländer flohen und von dort in die Vernichtungslager deportiert und ermordet wurden. Legt man die Zahlen für Gesamtösterreich, wonach etwa zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung (141.000 von 206.000) den Holocaust überlebt haben, auf das Burgenland um, so käme man bei einer hochgerechneten jüdischen Gesamtbevölkerung des Burgenlandes von 3.903 1) im März 1938, auf eine Zahl von etwa 2.672 mit jüdischer Herkunft oder Religion, die den Nationalsozialismus durch rechtzeitige Flucht oder Überleben in einem Konzentrations- oder Vernichtungslager überlebt haben, während etwa 1.231 ermordet wurden.

In der bislang erschienen Literatur gehen fast alle AutorInnen von einer Zahl von Überlebenden aus, die im Verhältnis zu Gesamtösterreich höher sein müsse, da, so wird argumentiert, die burgenländischen Juden und Jüdinnen als Erste im Deutschen Reich in ihrer Gesamtheit vertrieben wurden und damit in größerer Zahl ins Ausland flüchten konnten. Diese Annahme kann duch das Datenbankprojekt nicht bestätigt werden. Die vorläufige Zahl der burgenländischen Opfer der Shoah beträgtnach vorläufigem Stand der Erfassung 1.300 Personen. Das entspricht etwa dem gleiche Verhältnis wie in Gesamtösterreich. Es ist daher nicht richtig, wenn in dieser Hinsicht vom „Glück im Unglück“ der burgenländischen Juden und Jüdinnen gesprochen wird, wie es oft getan wurde.2)

Es sind insgesamt 119 burgenländische Gemeinden denen jüdische Opfer der Shoah nach den oben genannten Kriterien zugewiesen werden können. Dies ist insofern auch von Bedeutung, da meistens von den bekannten historischen „Sieben-Gemeinden“ (Schewa Kehilloth) Kittsee, Frauenkirchen, Eisenstadt, Mattersburg, Lackenbach, Deutschkreutz und Kobersdorf gesprochen wird, allenfalls noch von den ehemaligen Kultusgemeinden Rechnitz, Güssing, Stadtschlaining und Oberwart. Wie die Recherchen zu dieser Opferdatenbank jedoch zeigen, gab es auch viele kleinere Gemeinden im Burgenland, wo auch jüdische Familien in der einen oder anderen Form Lebensinteressen hatten.

Zusammenfassung

Zum jetzigen Stand der Recherchen und entgegen bisher oft vertretener Einschätzungen, die Juden und Jüdinnen aus dem Burgenland hätten durch die frühzeitige Vertreibung im Gegensatz zu Gesamtösterreich weniger Opfer der Shoah zu beklagen, ist nicht länger haltbar. Der Prozentsatz der zu Tode gekommen und ermordeten Juden und Jüdinnen aus dem Burgenland ist nicht geringer als jener in Gesamtösterreich. Das Forschungsprojekt ist als „work-in-progress“ zu sehen, daher könnten die zum jetzigen Stand vorliegenden Zahlen (1.300) durchaus noch ansteigen.

 

1) Die österreichische Volkszählung im Jahr 1934 weist für das Burgenland 3.632 Personen jüdischen Glaubens aus. In der Zeit zwischen der Volkszählung 1934 und dem März 1938 ist ein Bevölkerungsschwund feststellbar, der sich für das Burgenland mit einer Zahl von 3.446 Personen jüdischen Glaubens hochrechnen lässt (Bundesländer gesamt ohne Wien 1934: 15.424, März 1938: 14.633). Nach Definition der „Nürnberger Rassengesetze“ muss jedoch die Zahl der wegen jüdischer Herkunft oder Glaubens verfolgten Personen höher angesetzt werden, da auch nicht dem Judentum zugehörige Personen, die jedoch jüdische Eltern- oder Großelternteile hatten, dazu gezählt wurden und von der Vertreibung betroffen waren. Legt man das Verhältnis von Gesamtösterreich auf das Bundesland Burgenband um (im März 1938 waren es in Österreich nach der Religionszugehörigkeit 181.882 Personen, nach „Nürnberger Rassengesetze“ 206.000 Personen), lässt sich die Zahl der wegen ihrer jüdischen Herkunft oder Religionszugehörigkeit verfolgten Personen im Burgenland mit 3.903 hochrechnen. Vgl dazu Moser, Jonny: Demographie der jüdischen Bevölkerung Österreichs 1938-1945. (= Schriftenreihe des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes zur Geschichte der NS-Gewaltverbrechen, Bd. 5). Wien 1999. S 16f.

2) Eine Ausnahme stellt Brettl dar, der nachweisen konnte, dass zumindest für Frauenkirchen diese Annahme nicht richtig ist, da in dieser Gemeinde der Anteil der im Holocaust Umgekommenen mit etwa 40% sogar höher ist als in Gesamtösterreich. Brettl. Herbert: Die jüdische Gemeinde von Frauenkirchen. Halbturn 2003, vgl. S. 181.

Umfang und Datenerfassung

Die Datenherkunft

 
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