| Projekt |
Publikation,
Webseite, CD-ROM mit Interviews |
| Projektträger |
BURGENLÄNDISCHE FORSCHUNGSGESELLSCHAFT Domplatz
21, A-7000 Eisenstadt
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| Projektleitung |
Gert Tschögl |
| Inhalt |
Kurzfassung |
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Das Projekt "Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen." dokumentiert in Form zeitgeschichtlicher Interviews Lebensgeschichten von Personen, die im Jahre 1938 aus den ehemaligen jüdischen Gemeinden des Burgenlandes emigrieren mussten und gibt somit erstmals einen breiten Einblick in das persönliche Schicksal dieser burgenländischen Familien. Darüber hinaus werden auch Interviews mit jüdischen Verfolgten aus den benachbarten ungarischen Grenzorten geführt. Diese standen oft in familiären oder anderen Beziehungen zum Burgenland. Das Projekt füllt damit auch eine Lücke im Bereich der Erforschung des Judentums und der jüdischen Kultur im Burgenland und den angrenzenden ungarischen Regionen. Die Interviews und Fotografien aus dem Privatbesitz der Interviewten werden in einem Buch publiziert. Schwerpunktthemen der Interviews sind: Erinnerungen
an das jüdische Leben im Burgenland bis 1938. Im Frühjahr dieses Jahres wurde in Stadtschlaining das Projekt "Welcome to Stadtschlaining" realisiert. Auf die Initiative von CONCENTRUM (Forum für politische, ethnische, kulturelle und soziale Ökumene), dem Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (ÖSFK) und der Stadtgemeinde Stadtschlaining wurden aus der Region stammende BurgenländerInnen, die im Jahre 1938 aus Österreich flüchten mussten, in die ehemalige Heimat eingeladen. Dieses Projekt nahm die Burgenländische Forschungsgesellschaft zum Anlass, erste Interviews mit einigen der eingeladenen Gäste zum Projekt "Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen." durchzuführen. Grundlage des Projekts sind diese und weitere Interviews mit 1938 emigrierten jüdischen BurgenländerInnen. Die aufgezeichneten Videos bilden das Ausgangsmaterial für die mediale Umsetzung. Bis zum September 2003 wurden Videointerviews mit folgenden Personen durchgeführt: Walter
Arlen, Los Angeles; Herta Balonga, Buenos Aires; Hans Deutsch, Buenos
Aires; Eva Dutton, London ; Marietta Fluk, Media, PA (USA) ; Shlomo Galandauer,
London ; Natalie Gluck, London; Mordechai Grünsfeld, Tel Aviv; Fedor
Heinrich, Buenos Aires; Kurt Heinrich, Rockville, MD (USA); Rudolf Heinrich,
Buenos Aires; Elisabeth Helfer, London ; Hanny Hieger, Wien ; Elisabeth
Hirsch, Hackensack, NJ (USA); Gertrude Hoffer, Montevideo; Alice Howson,
Manchester; Henny King, Dundee; Sofie Kobrinsky, Tel Aviv; Liesl Latzer,
New York; Edith Lowy Efrati, Jerusalem; José Monath, Buenos Aires; Martha
Mond, Buenos Aires; Jonny Moser, Wien; Fred Poll, New York; Leopold Redlinger,
Wien; Izchak Roth, Kfar Saba; Fritz Spiegl, Liverpool; Andrew Spiegl,
Los Angeles; Edith Wachtel, Los Angeles; Lore L. Waller, Los Angeles;
Joseph P. Weber, Pacifica, CA (USA); Josef Weiszberger, Tel Aviv. In der Geschichte des westungarischen Raumes bis 1921 und des Burgenlandes bildet die jüdische Geschichte und Kultur einen wichtigen Bestandteil. Im speziellen spielte die bis in das Ende des 13. Jahrhunderts zurückreichende Herrschaftsgeschichte in diesem Raum eine wesentliche Rolle für die Entwicklung jüdischer Kultur, da Juden durch die Jahrhunderte immer wieder Schutz vor allem unter der Herrschaft der Esterházys im Nord- und Mittelburgenland und unter der Familie Batthyány im Südburgenland fanden. Die Gründung der "Schebha qehillot", der "Sieben (heiligen) jüdischen Gemeinden" in Deutschkreutz, Eisenstadt, Frauenkirchen, Kittsee, Kobersdorf, Lackenbach und Mattersburg erfolgte nach der Ausweisung der Juden aus Wien im Jahr 1670/71. Sie entwickelten sich zu den bedeutendsten jüdisch-orthodoxen Gemeinden Europas. Im Süden des Burgenlandes entstanden jüdische Gemeinden in Schlaining, Rechnitz und Güssing.1) Erst im Jahre 1867 erhielten Juden und Jüdinnen die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung und konnten sich von da an auch außerhalb dieser "Schutzjudengemeinden" ansiedeln und Grund erwerben. In der ersten Zeit siedelten jüdische Familien in sehr viele Orte des Burgenlandes (damals Westungarn). Die Zahl der Orte mit jüdischen BewohnerInnen nahm später zwar wieder ab, dennoch lebten jüdische Familien bis 1938 in sehr vielen burgenländischen Orten.2) Vor dem Hintergrund dieser Geschichte ist die Bedeutung jüdischer Kultur für das Burgenland zu ermessen. In der Literatur und in vielen Lebenserinnerungen findet die Integration und Toleranz gegenüber jüdischen Familien und ihrer Kultur in diesem Raum immer wieder Erwähnung. Unter diesem Aspekt wurde die schon wenige Tage nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland organisierte und unorganisierte Verfolgung, Vertreibung und Enteignung der burgenländischen Juden als "über Nacht hereingebrochen" beschrieben.3) Dieser besondere "Eifer", den die NationalsozialistInnen und die sich davon Vorteile erhoffenden OpportunistInnen gegenüber dem Regime dabei an den Tag legten, ist auch als Antwort der NS-Ideologie und ihrer AnhängerInnen auf dieses bislang gute Zusammenleben zwischen Juden/Jüdinnen und Nicht-Juden/Jüdinnen zu sehen. Allerdings fand der Antisemitismus der Zeit vor 1938 auch im Burgenland Aufnahme im Denken und im Handeln von Teilen der nichtjüdischen Bevölkerung. Nur so können die Tage nach dem Anschluss verstanden werden, in denen die Gestapo auf das Mittun vieler Menschen bei der Enteignung der von den vertriebenen jüdischen Familien zurückgelassenen Möbel, Warenlager, Haushaltgegenstände und sonstiger Gegenstände zählen konnte. Die sogenannten "wilden Arisierungen" in den ersten Wochen nach dem März 1938 lassen die Vermutung zu, dass das "gute Zusammenleben" jüdischer und nichtjüdischer Familien nur partiell und/oder an der Oberfläche der jüdisch-nichtjüdischen Alltags- und Geschäftsbeziehungen zu finden war. Die meisten jüdischen Familien gingen, nach ihrer mit großer Brutalität durchgeführten Ausweisung aus dem Burgenland 1938 nach Wien. Von da gelang vielen die Flucht in das Ausland, vor allem in die USA, Israel, Schweiz, England, Argentinien und andere Staaten. Jene, denen die Flucht nicht rechtzeitig gelang, wurden in die Konzentrations- und Vernichtungslager in Polen deportiert. Für die Zeit nach 1945 ist im Burgenland keine von der österreichweit gehaltenen Praxis der Aufarbeitung, "Wiedergutmachung" und Restitution abweichende Haltung feststellbar. So war z.B. der Prozentsatz der Rückstellungen des geraubten Besitzes an der Zahl der enteigneten Besitze sehr gering 4). Nur vereinzelt kamen jüdische Familien in das Burgenland zurück, wenige hielten Kontakte zur alten Heimat und besuchten sie später wieder. Gering ist auch bislang die Zahl publizierter Autobiografien und Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen. Erst seit Mitte der 80er Jahre begann die verstärkte Auseinandersetzung mit der Geschichte der Verfolgung jüdischer Familien aus dem Burgenland, die vor allem von der zweiten Nachkriegsgeneration getragen wird. Gesellschaftspolitischer Kontext Seit Ende der 80er Jahre hat die wissenschaftliche und publizistische Arbeit in Österreich ein verstärktes Augenmerk auf die Geschichte der Enteignung und Verfolgung österreichischer Juden durch den Nationalsozialismus gelegt. Dies impliziert auch den Diskurs über den Umgang damit seit 1945. Die Waldheim-Debatte im Jahr 1986 markiert eine vergangenheitspolitische 5) Zäsur, die eine Erosion bzw. Modifikation der Opferthese durch das Bekenntnis des offiziellen Österreich zur Mitverantwortung der Verbrechen des NS-Regimes bewirkt 6). Verdrängte und totgeschwiegene Fragen brechen gegenwärtig mehr denn je auf. Die Zeitgeschichtsforschung hat eine neue Generation von WissenschaftlerInnen hervorgebracht, der im Gegensatz zur Generation der Nachkriegszeit ein offenerer und unbelasteter Umgang mit diesen Themen attestiert werden kann. Wenngleich gegenwärtig wieder vermehrt antisemitische Untertöne in der öffentlichen und politischen Diskussionslandschaft zu finden sind, und andere von der Aufarbeitung der Vergangenheit als "abgeschlossenes Projekt" sprechen 7), ist dennoch ein generelles Klima bemerkbar, das eine Bereitschaft zur Diskussion und Beschäftigung mit der eigenen Geschichte und jener der Elterngeneration zulässt und ermöglicht. Das diskursive Erinnern an die Verbrechen des Nationalsozialismus wird von KünstlerInnen, PolitikerInnen und Intellektuellen getragen und gibt der notwendigen öffentlichen Debatte Form und Inhalt. Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist kein "abgeschlossenes Projekt". Der Prozess des Erinnerns im vergangenheitspolitischen Kontext ist vielmehr eine wesentliche Grundvoraussetzung für die Auseinandersetzung mit der Geschichte, vor allem mit dem Nationalsozialismus, und Ausdruck einer moralischen Reflexionsbereitschaft des Individuums und der Gesellschaft. Die sehr spät begonnene Auseinandersetzung mit diesen Fragen fordert die zeitgeschichtliche Dokumentation. Zum einen gibt es noch sehr viele weiße Flecken auf der österreichischen "Gedächtnislandkarte", und zum anderen wird die Zahl der noch lebenden Opfer des Nationalsozialismus altersbedingt immer geringer. Das Projekt "Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen." setzt sich daher folgende Ziele: Die dokumentarische Sicherung lebensgeschichtlicher Erinnerungen von jüdischen Opfern des Nationalsozialismus im Burgenland und die Erhöhung des Bewusstseins und des Wissens über die jüdische Geschichte im Burgenland in der Öffentlichkeit und beim Einzelnen. 2001 Juni:
Interviews und Fotoportraits im Rahmen der Veranstaltung "Welcome to Schlaining" 2002-2004 April
- November: Weitere Interviews in Israel, Großbritannien, USA u.a. Alfred
Lang, Projektkoordination Gert
Tschögl, wissenschaftlicher Leiter Barbara
Tobler, Redaktionsteam Andreas
Polsterer, Transkriptionen, Übersetzungen (Ungarisch) Kim
Hogben, Übersetzungen (Englisch) Milenia
Snowdon-Prötsch, Interviews (Stadtschlaining) Hans
Wetzelsdorfer, Fotografien (Stadtschlaining) Peter Snowdon, Kamera (Stadtschlaining) Eva
Brunner-Szabo, Kamera (Argentinien, USA, England, Wien)
1 vgl. REISS, Johannes: Jüdisches Leben im Burgenland. Ein Rückblick auf die Zeit vor 1938. In: BAUMGARTNER, Gerhard / MÜLLNER, Eva / MÜNZ, Rainer (Hg): Identität und Lebenswelt. Ethnische, religiöse und kulturelle Vielfalt im Burgenland. Eisenstadt 1989, S 108-115, S 109 f. (zurück) 2 BAUMGARTNER, Gerhard: Die Arisierung jüdischen Vermögens im Bezirk Oberwart. In: KROPF, Rudolf: Juden im Grenzraum. (=Wissenschaftliche Arbeiten aus dem Burgenland, Heft 92), Symposium im Rahmen der "Schlaininger Gespräche" 1990. Hrsg. vom Burgenländischen Landesmuseum, Eisenstadt 1993, S 339-362, 346 ff. (zurück) 3 vgl. TSCHÖGL, Gert: Was blieb, sind Erinnerungen. Zur Geschichte der burgenländisch-jüdischen Kultur. In: DEINHOFER, Elisabeth / HORVATH, Traude (Hg):Grenzfall. Burgenland 1921 - 1991. Veliki Boritof/Großwarasdorf 1991, S 115-126, S 122 ff. (zurück) 4 BAUMGARTNER, Gerhard: Die Arisierung jüdischen Vermögens im Bezirk Oberwart. a.a.o S 361 f. (zurück) 5 SANDNER definiert Vergangenheitspolitik als den "politischen, justiziellen und kulturellen Umgang einer demokratischen Gesellschaft mit ihrer diktatorischen Vergangenheit." SANDNER, Günther: Hegemonie und Erinnerung. Zur Konzeption von Geschichte und Vergangenheitspolitik. In: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, 30 (2001) 1, S 5-17, S 7. (zurück) 6 vgl. UHL, Heidemarie: Das "erste Opfer". Der österreichische Opfermythos und seine Transformation in der Zweiten Republik. In: ebd., S 19-34, S 26 ff. (zurück) 7 zum Beispiel: BURGER, Rudolf: Austromanie: Der antifaschistische Karneval. In: Merkur, 54 (2000) 5, S 379-393. (zurück) |
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