Gerhard Baumgartner, Eva Müllner, Rainer Münz (Hg.)
IDENTITÄT UND LEBENSWELT
Ethnische, religiöse und kulturelle
Vielfalt im Burgenland
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Das Burgenland ist anders. Hier hat sich mehr ethnische, sprachliche und religiöse Vielfalt erhalten als in anderen Teilen Österreichs. Über Jahrhunderte lebten in diesem Teil Mitteleuropas Deutsch, Kroatisch, Ungarisch und Romanes sprechende Menschen, Katholiken, Juden, Lutheraner und Calvinisten nebeneinander und miteinander. Erst die Verfolgung von Juden und Zigeunern bedeutete einen massiven Einschnitt und reduzierte die ethnisch-religiöse Vielfalt.
Ein zweiter Gegensatz zum übrigen Österreich ist bis heute wirksam. Die meisten Bundesländer gibt es als administrative Einheiten bereits seit dem Hochmittelalter. Das Burgenland in seinen Grenzen von 1921/23 ist hingegen ein "junges" Bundesland. Das Landesbewußtsein ist hier folglich schwächer ausgeprägt als anderswo. Dafür springt eine ausgeprägte Bindung der Burgenländer/innen an ihre jeweilige Heimatgemeinde ins Auge.
Die historischen Wurzeln ethnischer, religiöser und kultureller Vielfalt des Burgenlandes, die aktuelle Bedeutung solcher Pluralität für ein modernes und demokratisches Gemeinwesen sowie die Entwicklungsperspektiven einer in sich vielfältig strukturierten Gesellschaft sind Hauptthemen des Buches "Identität und Lebenswelt". Zwei Autoren befassen sich mit der Entwicklung des Landesbewußtseins im östlichsten Bundesland Österreichs (M. Floiger, N. Leser). Einen weiteren Schwerpunkt bilden Beiträge zur Minderheitenpolitik (R. Münz) und zu Geschichte und Zukunft der ungarischen Sprachgruppe (G. Baumgartner) sowie der kroatischen Sprachgruppe im Burgenland (N. Bencsics, N. Darabos, E. Rauchbauer). Eine Reihe von Beiträgen befaßt sich mit dem Schicksal der jüdischen Gemeinden bis 1939 (J. Reiss, G. Tschögl) und der 1944/45 im Burgenland eingesetzten jüdischen Zwangsarbeiter (U. Fellner). Zwei Autorinnen und ein Autor zeichnen Geschichte, Verfolgung und aktuelle Probleme der Zigeuner/Roma des Burgenlandes auf (C. Mayerhofer, R. Sarközi, E. Thurner). Weitere Beiträge haben die Geschichte von Protestantismus und katholische Kirche in dieser Region zum Thema (G. Reingrabner, T. Leszkovich).
Zu allen Beiträgen gibt es Kurzfassungen in Kroatisch und Ungarisch.
Das Buch und seine Autoren/innen
vertreten das Recht auf Zugehörigkeit zur Mehrheit oder Minderheit nach dem
Bekenntnisprinzip. Aber sie rufen nicht zur Anpassung, zur Homogenisierung auf. Im
Gegenteil: Das Buch will als Plädoyer für den Erhalt ethnischer, kultureller und
religiöser Vielfalt im östlichsten Bundesland österreichs gelesen werden. Und es will
dazu beitragen, daß die sprachliche und kulturelle Vielfalt des Burgenlandes - die wir
durch die wenig minderheitenfreundliche Politik der Republik Östereichs und durch den
Terror des NS-Regimes zum Teil bereits verloren haben - nicht nur als Erinnerung erhalten
bleibt.
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