Die jüdische Gemeinde Stadtschlaining

Orthodoxe Gemeinde im Süden

Titelbild Stadtschlaining

Die ersten gesicherten Spuren jüdischen Lebens in Stadtschlaining finden sich im Jahr 1675 mit der schriftlichen Erwähnung eines Judenrichters. Zur Bildung einer jüdischen Gemeinde dürfte es somit Anfang der 1670er Jahre gekommen sein. Ermöglicht wurde die Ansiedlung und die Ausübung wirtschaflicher Tätigkeiten durch die Ausstellung von Schutzbriefen durch die Familie Batthyány, den Grundherren von Schlaining.
Im 18. Jahrhundert nimmt die Zahl der Mitglieder der jüdischen Gemeinde stetig zu und hatte ihren Höhepunkt im Jahr 1848 mit 650 Personen. 1848 waren 43 % von ihnen AltwarenhändlerInnen, 27% Hausierer, die ihre Waren an der Haustür verkauften und 17% gehörten zur Mittelschicht und waren KleinhändlerInnen oder Handwerker.
Durch die allmähliche bürgerliche Gleichstellung, die im Jahr 1867 mit dem Staatsgrundgesetz in Ungarn verankert wurde, war es jüdischen Familien nun möglich, sich in wirtschaftlich bedeutenderen Städten und Orten, wie Budapest, Wien, Szombathely oder auch Oberwart anzusiedeln. Die Kultusgemeinde in Stadtschlaining verlor an Bedeutung. Der letzte Rabbiner des Ortes, Felix Blau, kündigte 1923, um als Rabbiner in der Filialgemeinde Oberwart tätig zu werden. Bis 1923 ging die jüdische Bevölkerung auf 60 und bis 1934 auf nur noch 19 Personen zurück.
Bei der Vertreibung der letzten jüdischen BewohnerInnen wurde 1938 in Stadtschlaining ähnlich wie in den anderen Gemeinden des Burgenlandes vorgegangen. Knapp nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 11. März 1938, oder noch in derselben Nacht, wurden die Geschäfte jüdischer BewohnerInnen beschlagnahmt und Juden und Jüdinnen aufgefordert, das Burgenland zu verlassen. Die damals sechsjährige Marietta, sie konnte mit ihrer Familie in die USA emigrieren, erinnert sich in einem Interview für die Publikation „Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen“ daran, wie Männer in Naziuniformen an die Haustür schlugen und das Haus durchsuchten. Sie konnte mit ihrer Mutter und ihrem Onkel noch rechtzeitig in die USA fliehen. In anderen Familienerzählungen vertriebener Schlaininger Familien erinnert man sich aber auch an die Hilfe einzelner nicht jüdischer Nachbarn.


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Kurze Beschreibung des Rundganges

Der Rundgang beginnt am Hauptplatz. Auf Nr. 3 befinden sich die ehemalige Synagoge und das Rabbinerhaus. Seit dem 17. Jahrhundert begann die Familie Batthyány Freihäuser von Adeligen und sogenannten „Freien“, die keine herrschaftlichen Untertanen waren, zu kaufen. Die Wohnungen in diesen Freihäusern vermietete sie an jüdische Familien. Das Grundstück wurde 1791 von der jüdischen Gemeinde für die Errichtung der Synagoge angekauft. 1987/88 wurde das Gebäude durch das Land Burgenland angekauft und renoviert. Seither beherbergt es die Friedensbibliothek des Österreichischen Studienzentrums für Frieden und Konfliktlösung (ÖSFK). Das Ensemble stellt eine Rarität dar, da es sich um das einzige erhaltene Rabbinerhaus im Burgenland handelt. Auch das Haus Hauptplatz Nr.12 wurde im 17./18. Jahrhundert von der Familie Battyány an jüdische Familien vermietet. Nicht weit von hier in der Wuderlandgasse Nr. 2, befand sich das rituelle Bad (Mikwe). Von da geht man wieder zurück zur Baumkircher Gasse. Der erste jüdische Friedhof soll sich im Osten der Stadt am Abhang zum Tauchental befunden haben. Dieser wurde aber zu klein, denn 1780 musste die jüdische Gemeinde ein Grundstück in der Basteigasse kaufen, um den zweiten jüdischen Friedhof anzulegen. Im Jahr 2002 wurde die Neuaufstellung der erhaltenen Grabdenkmäler dieses zweiten Friedhofes vorgenommen. Sie sind jetzt in der Vorstadtgasse Nr. 7 zu sehen. Den 1902 errichteten dritten Friedhof erreicht man die Basteigasse folgend, nach etwa 700 m an der Oberwarter Straße.

Videokanal „Vertrieben“: vimeo.com/channels/vertrieben
Das Eingangstor zum jüdischen Friedhof ist ganzjährig geöffnet
Ehemalige Synagoge, heute Friedensbibliothek: Öffnungszeiten Mo-Do von 9.00 - 15.00 Uhr, Fr 9.00 - 12.00 Uhr.
Führungen und Voranmeldung unter +43 (0)3355 2498-512
Am Hauptplatz beginnt ein Informationsweg mit Schautafeln zur allgemeinen Geschichte der Stadt

Tipp:
Besuch des Europäischen Museums für Frieden mit einer Darstellung zum Thema „Frieden und Gewalt“ | Burg Schlaining | Rochusplatz 1

Initiative „Welcome to Stadtschlaining“

2001 wurden unter dem Titel „Welcome to Stadtschlaining“ vom Österr. Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (ÖSFK), der Stadtgemeinde Stadtschlaining und dem Verein CONCENTRUM vertriebene BurgenländerInnen in die ehemalige Heimat eingeladen. Seit damals sieht die Initiative die Erhaltung des Wissens zur jüdischen Geschichte des Ortes als Aufgabe ihrer Tätigkeit.

Kontakt:
Tourismusbüro Stadtschlaining | Baumkircher Gasse 1 | Werner Glösl
Telefon: +43 (0)3355 2201-30
E-Mail: info@stadtschlaining.bgld.gv.at
Webseite: www.stadtschlaining.at

Friedensbibliothek des ÖSFK (ehemalige Synagoge) | Hauptplatz 3 | Mag.a. Dr.in Lisa Fandl
Telefon: +43 (0)3355 2498-512 oder -516
E-Mail: l.fandl(at)aspr.ac.at
Webseite: www.bibliothek.friedensburg.at
Öffnungszeiten Mo - Do 9.00 - 15.00 Uhr, Fr 9.00 - 12.30 Uhr

Publikationen in Auswahl

[1] Baumgartner, Gerhard: Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Schlaining. (Hg. Österreichisches Institut für Friedensforschung und Friedenserziehung Burg Schlaining). Stadtschlaining 1988.
[2] Heinrich, Kurt F. J.: Erinnerungen an Burgenland. In: Burgenländische Heimatblätter. Jg. 63, Heft 3-4. Eisenstadt 2001, S. 21-33.
[3] Kropf, Rudolf: Sozialstruktur und Migration von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Schlaininger Judengemeinde. In: Juden im Grenzraum. Geschichte, Kultur und Lebenswelt im Burgenländisch-Westungarischen Raum und in den angrenzenden Regionen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. (= Wissenschaftliche Arbeiten aus dem Burgenland, Heft 92). Eisenstadt 1993, S. 107-123.
[4] Lang, Alfred / Tobler, Barbara / Tschögl, Gert (Hg.): Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen. Wien 2004.
[5] Polster, Gert: Die Entwicklung der israelitischen Kultusgemeinden Güssing, Rechnitz und Stadtschlaining in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts [2010]. Artikel im Internet