Die jüdische Gemeinde Deutschkreutz

Zelem - Ein religiöses Zentrum

Titelbild Deutschkreutz

In der jüdischen Welt ist Deutschkreutz unter dem hebräischen Namen „Zelem“ besser bekannt. Diesen Namen gab sich die jüdische Gemeinde offensichtlich, um den Wortteil „Kreutz“ im Gemeindenamen zu vermeiden. Die jüdische Gemeinde Deutschkreutz gründete sich 1671, nachdem die von Kaiser Leopold I. vertriebenen österreichischen und ungarischen Juden und Jüdinnen die Rückkehrerlaubnis erhalten hatten. 1676 erwarb Paul Esterházy die Herrschaft Deutschkreutz und stellte der jüdischen Gemeinde einen Schutzbrief aus. Die jüdische Bevölkerungszahl nahm bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts konstant zu. Mit 1.230 jüdischen EinwohnerInnen – fast 38% der Gesamtbevölkerung – erreichte sie 1857 den Höchststand. Seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts nahm ihre Zahl wegen Abwanderungsbewegungen jedoch ab. Im Jahr 1934 lebten in Deutschkreutz noch 433 Juden und Jüdinnen.
Ursprünglich in der Neugasse am Rand des Ortes in Schlossnähe angesiedelt, verlagerte sich das jüdische Wohnviertel später ins Zentrum entlang der Hauptstraße. Neben den für das jüdische Gemeindewesen notwendigen Einrichtungen einer Synagoge, eines rituellen Tauchbades (Mikwa) und einem Friedhof, bestand im Ort auch eine über die Grenzen hinweg bekannte Talmudschule (Jeschiva). Die Deutschkreutzer Jeschiva war international hoch angesehen. Hier genossen orthodoxe Studenten aus ganz Mitteleuropa eine traditionell-jüdische Ausbildung. In Deutschkreutz wirkte der bekannte Rabbiner Menachem Katz-Proßnitz (1795-1891), ein Schüler des im 19. Jahrhundert führenden orthodoxen Rabbiners Chatam Sofer. Unter den Persönlichkeiten des Ortes ist der Komponist Carl Goldmark (1830-1915) zu erwähnen, der hier Teile seiner Kindheit verbrachte. Heute ist im ehemaligen Wohnhaus das Carl Goldmark Museum untergebracht.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden bis Ende März 1938 die Juden und Jüdinnen unter Drohungen gezwungen den Ort zu verlassen und in Bussen zwangsweise nach Wien verbracht. Nach der Vertreibung wurde das jüdische Viertel fast völlig zerstört, die Synagoge devastiert und im Jahr 1941 gesprengt. Grabsteine des verwüsteten jüdischen Friedhofes verwendete man gegen Kriegsende zum Bau des „Ostwalls“. 158 Deutschkreutzer Juden und Jüdinnen gelang die Flucht in die Emigration, 81 kamen im Holocaust um, von weiteren 181 ist der Verbleib nicht bekannt.


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Kurze Beschreibung des Rundganges

Der Rundgang beginnt bei der Villa Goldschmied in der Hauptstraße Nr. 70. Im Hof unterhielt die Familie Goldschmied ein geräumiges Quartier für Studenten der Talmudschule (Bocherim). Durch die gegenüberliegende Postgasse gelangt man in die Reitschulgasse. Auf Höhe Nr. 10 stand ein Haus der Talmudschule. An der Kreuzung Reitschulgasse / Tempelgasse verlief einst die Grenze zwischen den Juden- und Christenhäusern. Links (zur Hauptstraße) lag das jüdische Viertel, wobei dieser Teil der heutigen Tempelgasse damals schmäler war. Auf Tempelgasse Nr. 2 war das Areal der Synagoge, die im Februar 1941 von den Nazis gesprengt wurde. In dem schmalen Gässchen unterhalb des Tempelplatzes befinden wir uns mitten im einst ganz eng verbauten jüdischen Viertel. Das Gässchen mündet in die Mittelgasse, eine Verbindung zwischen Hauptstraße und Langegasse. Blickt man hinunter zur Langegasse, fällt ein quer zur Mittelgasse stehendes Haus auf. Bis 1938 war es im Eigentum des Weinhändlers Lipschitz. Im Garten dieses Gehöftes wurden die Laubhüttenfeste gefeiert. Zurück auf der Hauptstraße („Judengasse“) sieht man das VINATRIUM, das bis 1924 der Weinhändlerfamilie Tauber gehörte, ehe es von der Witwe der Gemeinde Deutschkreutz für die Errichtung einer Bürger- bzw. Hauptschule verkauft wurde. Seit 1995 befindet sich hier die Gebietsvinothek des „Blaufränkischlandes“, die mittlerweile durch den Erwerb des niedrigeren Nachbarhauses, bis 1938 im Besitz des Weinhändlers Lazar Spiegel, erweitert wurde. Der nächste markante Punkt des Rundganges ist das Denkmal zur Erinnerung an die ehemalige Judengemeinde von Zelem, das 2012 auf Initiative von KR Michael Feyer aus Wien errichtet wurde. Es steht vor zwei steinernen Zeugen aus jüdischer Zeit, dem Bürgerhaus der Unternehmerfamilie „Schiff & Söhne“ (Nr. 52) und dem „Goldmarkhaus“ (Nr. 54). Auf der Hauptstraße Nr. 67 befand sich das Rabbinerhaus. Geht man die Hauptstraße weiter und biegt in die Friedhofgasse ein, kommt man nach ca. 200 m zum jüdischen Friedhof, der unmittelbar nach dem christlichen Friedhof auf der linken Seite liegt.

Entlehnung des Schlüssels zum jüdischen Friedhof: Beim Polizei-Posten oder im Gemeindeamt | +43 (0)2613 80203-0
Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge Deutschkreutz: publik.tuwien.ac.at/files/PubDat_242531.pdf

Carl Goldmark Verein Deutschkreutz

In Deutschkreutz bemüht sich seit 1980 der Carl Goldmark Verein Deutschkreutz das Gedenken an die jüdische Gemeinde zu erhalten. Der Verein betreibt auch das Carl Goldmark Museum. 1980 wurde das Haus, in dem Goldmark die Jahre 1834 bis 1844 verbrachte, von der Gemeinde angekauft und darin das Museum errichtet, das dem Leben und Wirken Carl Goldmarks (1830-1915) gewidmet ist.
Virtueller Rundgang durch das Museum:
Panorama I
Panorama II
Panorama III
Kurzbiografie zu Carl Goldmark

A-7301 Deutschkreutz, Hauptstraße 54
Öffnungszeiten des Museums:
Während der Öffnungszeiten der Buchhandlung „das Lesezeichen“ im Carl Goldmark Haus | Tel.: +43 (0)2613 20140
Während der Öffnungszeiten des Tourismusbüros Deutschkreutz | Tel.: +43 (0)2613 20200
Während der Öffnungszeiten der Gebietsvinothek | Tel.: +43 (0)2613 89768

ist eine Besichtigung jederzeit möglich.

Außerhalb nur gegen telefonische Voranmeldung
beim Tourismusbüro Deutschkreutz Tel.: +43 (0)2613 20200 oder
bei der Gebietsvinothek Tel.: +43 (0)2613 89768

Persönliche Führungen:
Prof. Dr. Adalbert Putz
Tel.: +43 (0)2613 80402
E-Mail: adalbert.putz@aon.at

SR Gerhard Heinrich
Telefon: +43 680 2196649
E-Mail: gerhard.heinrich@bnet.at

Misrachi Österreich

Seit einigen Jahren bemüht sich Misrachi Österreich um die Aufarbeitung und Rekonstruktion der zerstörten Gräber des jüdischen Friedhofes und der jüdischen Geschichte von Deutschkreutz (Zelem).

Kontakt: Misrachi Österreich
E-Mail: info@misrachi.at
Webseite: www.misrachi.at

Publikationen in Auswahl

[1] Braimeier, Bernhard: Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Deutschkreutz. Dipl. Arbeit an der Technischen Universität Wien.
Wien 2015. Publikation Online
[2] Lang, Alfred / Tobler, Barbara / Tschögl, Gert (Hg.): Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen. Wien 2004.
[3] Magnus, Naama G.: Auf verwehten Spuren. Das jüdische Erbe im Burgenland. Teil 1 Nord- und Mittelburgenland. Wien 2013.
[4] Putz, Adalbert: Zelem – Zentrum jüdischer Kultur. In: Schneller, Franz (Hg.): Deutschkreutz. Deutschkreutz 1995, S. 173-179.
[5] Reiss, Johannes (Hg.): Aus den Sieben Gemeinden. Ein Lesebuch über Juden im Burgenland. Eisenstadt [1997].
[6] Spitzer, Shlomo: Die jüdische Gemeinde von Deutschkreutz. Wien/Köln/Weimar 1995.