Die jüdische Gemeinde Gattendorf

Kultusgemeinde ohne Rabbiner

Titelbild Gattendorf

Die früheste urkundliche Erwähnung von Juden aus Gattendorf findet sich in der Händlerliste der Leipziger Messe von 1726. David Abraham und Abraham Jakob aus „Kottendorf“ scheinen in dieser Liste auf. Die Ortsbezeichnung „Kot(t)endorf“ und auch „Kat(t)endorf“ wurde in mehreren Schreiben im Archiv der Gattendorfer Judengemeinde gefunden. Die zweite Erwähnung ist aus der Judenkonskription des Jahres 1727 bekannt. Darin werden sechs jüdische Familienoberhäupter genannt. Die Konskription des Jahres 1735 zählt acht jüdische Familien mit insgesamt 37 Personen. Drei Familien wohnten im Meierhof der Familie Schloßberg, auch „Schloßberg’scher Judenhof“ genannt. Die anderen Familien lebten verstreut im Ort. Im Jahr 1770 wurden bereits 111 Juden und Jüdinnen gezählt. Der Großteil wohnte zu dieser Zeit im Schloßberg’schen Judenhof der zum zentralen Wohnbezirk der Gattendorfer Juden und Jüdinnen wurde. Der demographische Höchststand jüdischer EinwohnerInnen wurde im Jahr 1857 mit 206 Personen angegeben, danach nahm die Zahl der jüdischen Bevölkerung kontinuierlich ab.
Für die Errichtung eines Friedhofes wurde im Jahr 1739 ein Pachtvertrag abgeschlossen. Der Friedhof befindet sich am Ortsende Richtung Zurndorf. Aus einer Zinseinnahme des Jahres 1754 geht hervor, dass in einem Gebäude des Schloßberg’schen Judenhofes eine Synagoge bzw. Bethaus eingerichtet war. Auf Grund der wachsenden Zahl von Gemeindemitgliedern und der Bauschäden am bestehenden Synagogengebäude, plante man einen Neubau der Synagoge, der 1862 fertiggestellt wurde. Gattendorf hatte eine Synagoge, einen Friedhof und eine Mikwe, man konnte sich jedoch keinen eigenen Rabbiner leisten. Betreut wurde die Gattendorfer Kultusgemeinde daher vom Rabbiner aus Kittsee, ohne jedoch Filialgemeinde dieser zu sein.
In der Zwischenkriegszeit waren unter den jüdischen Familien Viehhändler, Getreidehänd-ler, die Familie des Schächters, ein Gemischtwarenhändler sowie ein Gutspächter. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Gemischtwarengeschäft geplündert, das Eigentum des Gutspächters beschlagnahmt und sein Hausrat in Gattendorf verschenkt.
Zum Zeitpunkt der Vertreibung 1938 lebten 22 Personen jüdischen Glaubens in Gattendorf. In den zur Kultusgemeinde von Gattendorf zählenden Nachbarorten Jois, Zurndorf, Pama südlich der Hauptstraße, Neudorf, Potzneusiedl, Parndorf und Nickelsdorf wohnten 1938 insgesamt 90 Gemeindemitglieder. 12 der Gattendorfer Juden und Jüdinnen konnten ins Ausland flüchten, 9 wurden 1942 in Konzentrationslager deportiert wo sie verstarben, einer verstarb auf seiner Flucht in Wien.


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Kurze Beschreibung des Rundganges

Ein Rundgang durch die Geschichte des jüdischen Gattendorfs lässt sich in der Oberen Dorfstraße Nr. 25 beginnen. An dieser Adresse steht das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus der Familie Reismann. Der Eingang zu der Gemischtwarenhandlung befand sich an der Ecke des Gebäudes. Ein paar Schritte weiter, auf den Grundstücken der heutigen Nummern 14 bis 18, befand sich der „Schlossberg’sche Judenhof“. Im Meierhof gegenüber vom alten Schloss lebte in den 1930er Jahren Gutspächter Munk mit seiner Familie. Die Synagoge stand auf dem Grundstück Nr. 16. Im Jahr 1952 wurden sie der israelitischen Kultusgemeinde Wien als Rechtsnachfolgerin von der Gemeinde Gattendorf rückgestellt. Im Jahr 1971 verkaufte die israelitische Kultusgemeinde Wien das Grundstück an ein lokales Transportunternehmen, welches dieses 1980 weiterverkaufte. Das als Maschinenhalle zur Unterbringung landwirtschaftlicher Geräte benutzte Synagogengebäude wurde schließlich, auf Grundlage der Aufhebung der Denkmalschutzes durch das Bundesdenkmalamt vom 5. Mai 1972, im Jahr 1996 abgerissen. Bevor man die Kirchengasse nach rechts abbiegt lohnt sich noch ein Abstecher zur Volksschule in der Unteren Dorfstraße Nr. 8-10. Im Foyer der Schule sind die letzten erhaltenen Bauteile der abgerissenen Synagoge als Zeichen der Erinnerung aufgestellt: vier gusseiserne Säulen, die einst die Frauenempore der Synagoge stützten. Durch die Kirchengasse gelangt man zur Unteren Hauptstraße, wo sich auf Nr. 8 das 1996 abgerissene jüdische Gemeindehaus befand und wo bis zur Ausweisung nach Wien 1938 die Familie des Schächters Jelenko lebte. Nun folgt man der Rosengasse, wo auf Nr. 10 die Familie von Hugo Justiz lebte. Sein Bruder Geza Justiz wohnte mit seiner Familie in der Leithagasse Nr. 19. Von hier ist es nun etwa 1 km zum jüdischen Friedhof. Der Leithagasse folgt man bis zur Unteren Dorfstraße, biegt rechts ab, unterquert die Bahntrasse und folgt dem Weg links des Rastplatzes parallel zur Leitha. Nach etwa 200 m liegt rechts der jüdische Friedhof.
Ein Interview mit Fritz und Andy Spiegl aus Zurndorf, die als Kinder mit ihren Familien zu den hohen jüdischen Feiertagen zur Synagoge in Gattendorf gingen, ist am Videokanal „Vertrieben“ zu sehen.

Entlehnung des Schlüssels zum jüdischen Friedhof: Informationen erteilen Dr. Klaus Derks | office@gv-gattendorf.at oder das Gemeindeamt | +43 (0)2142 5202
Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge Gattendorf: publik.tuwien.ac.at/files/PubDat_239226.pdf
Videokanal „Vertrieben“: vimeo.com/channels/vertrieben

Verein zur Erforschung der Ortsgeschichte von Gattendorf

Im Jahre 1209 wird Gattendorf erstmals als “villa Kata” urkundlich erwähnt. In Vorbereitung auf die 800-Jahr Feier des Ortes wurde 2005 der „Verein zur Erforschung der Ortsgeschichte“ gegründet. Aufgabe dieses Vereins ist die Sicherung von Archivalien, die Erforschung und Publikation der Ortsgeschichte sowie die Veröffentlichung von Quellenmaterial. Jährlich, jeweils im 4. Quartal, wird ein Band zu bestimmten Themen publiziert.

Kontakt: Verein zur Erforschung der Ortsgeschichte von Gattendorf | Dr. Klaus Derks
E-Mail: office@gv-gattendorf.at
Webseite: www.gv-gattendorf.at

Publikationen in Auswahl

[1] Derks, Klaus: Kattondorff. Die vergessene Judengemeinde von Gattendorf. (Hg: Verein zur Erforschung der Ortsgeschichte von Gattendorf: Gattendorfer Rückblicke. Band 6/2010. Gattendorf 2010). Download Band 6
[2] Glaser, Marina: Virtuelle Rekonstruktion der ehemaligen Synagoge in Gattendorf. Dipl. Arbeit an der Technischen Universität Wien. Wien 2015. Publikation Online
[3] Hieger, Hanny: Erinnerungssplitter. In: Zwischenwelt. Literatur Widerstand Exil. 18.Jg., Nr. 3, Doppelheft Okt. 2001. (Hg. Konstantin Kaiser, Siglinde Bolbecher). Wien 2001, S. 33-36.
[4] Lang, Alfred / Tobler, Barbara / Tschögl, Gert (Hg.): Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen. Wien 2004.
[5] Magnus, Naama G.: Auf verwehten Spuren. Das jüdische Erbe im Burgenland. Teil 1 Nord- und Mittelburgenland. Wien 2013.
[6] Reiss, Johannes (Hg.): Aus den Sieben Gemeinden. Ein Lesebuch über Juden im Burgenland. Eisenstadt [1997].
[7] Schmidt, Silvia Maria: Das Schicksal der Juden im Bezirk Neusiedl am See. 1938 - 1945. Dipl. Arb. Universität Wien 2010. Publikation Online