Die jüdische Gemeinde
Rechnitz

Liberale Neologische Gemeinde

Titelbild Rechnitz

Die bedeutendste und größte der Judengemeinden im heutigen Südburgenland war Rechnitz. Zur Gründung einer jüdischen Gemeinde in Rechnitz kam es in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts unter der Herrschaft der Familie Batthyány. Die Rechnitzer Jüdinnen und Juden dürften zumindest teilweise sephardischer, also spanischer Herkunft gewesen sein. Um 1850 erreichte die jüdische Gemeinde Rechnitz mit 850 Mitgliedern ihren Höchststand. Im Zuge der Industrialisierung wanderten viele Rechnitzer Jüdinnen und Juden nach Budapest, Szombathely, Wien oder nach Übersee ab. 1938 lebten hier noch 125 RechnitzerInnen jüdischen Glaubens.
Schon wenige Tage nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im März 1938 wurden die Unternehmen jüdischer BesitzerInnen beschlagnahmt, die jüdischen EinwohnerInnen vertrieben. Einigen gelang von Wien aus die Flucht nach Palästina, China oder nach Übersee. Jene, denen eine Ausreise nicht gelang, wurden in Konzentrationslager deportiert und ermordet. 43 in Rechnitz verbliebene Jüdinnen und Juden wurden im April 1938 an die jugoslawische Grenze gebracht und nach dem Einmarsch Hitlers in Jugoslawien ermordet. Eine Familie kehrte nach 1945 in den Ort zurück. Nur der Friedhof, eine Gedenktafel am umgebauten Gebäude der ehemaligen Synagoge und ein Erinnerungsweg zeugen vom ehemaligen jüdischen Leben in Rechnitz.


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Kurze Beschreibung des Rundganges

Im Jahr 2015 wurde in Rechnitz ein Erinnerungsweg mit 10 Schautafeln eröffnet. Der Erinnerungsweg beginnt am Hauptplatz mit einem Überblick zum jüdischen Leben in Rechnitz (Station 1) und zu jüdische Persönlichkeiten von Rechnitz (Station 2). Am Hauptplatz findet man zudem Informationen zum nach 1945 abgetragenen Schloss und zur Familie Batthyány (Station 3) und über die Opfer des Nationalsozialismus (Station 4). Von da geht man Richtung Badergasse, zum Haus der Familie Blau (Station 5). Überlebende Angehörige dieser Familien waren die einzigen, die nach 1945 nach Rechnitz zurückkehrten. In der Biegung der Badergasse findet sich die Gedenktafel in Erinnerung an die Synagoge. Sie befand sich im hinteren Teil des Grundstückes. In der NS-Zeit für unterschiedliche Zwecke missbraucht, wurde sie zwischen 1945 und 1997 als Feuerwehrhaus genutzt. Die Keller- und Erdgeschoßmauern der Synagoge bilden einen Bauteil des heutigen Gebäudes (Station 6). Ein paar Schritte weiter stand die jüdische Schule (Station 7). Bis 1974 war das Gebäude öffentliche Volksschule, danach Teil des Bauhofes der Gemeinde. 2005 wurde das Gebäude zur Gänze abgetragen. Zurück zur Herrengasse gelangt man nun zum ehemaligen Zentrum der Handels- und Gewerbebetriebe jüdischer Familien (Station 8). Hier und in der nächsten Quergasse, der heute noch so benannten Judengasse, lag das Wohnviertel mit kleinen Gewerbe- und Handelsbetrieben (Station 9). Von hier sind es noch etwa 400 m bis zum jüdischen Friedhof (Station 10). Die Gedenkstätte Kreuzstadl liegt vom Hauptplatz etwa 1,2 km in südlicher Richtung auf der Bundesstraße Richtung Schachendorf. Ein Interview mit dem aus Kőszeg stammenden Hans Deutsch, der als Zwangsarbeiter am Südostwallbau arbeiten musste und mit einem Todesmarsch über Schachendorf ins Konzentrationslager Gunskirchen gelangte ist am Videokanal „Vertrieben“ zu sehen.

Webseite Erinnerungsweg: www.gedenkweg.at
Entlehnung des Schlüssels zum jüdischen Friedhof: Siehe Informationstafel am Eingangstor oder im Gemeindeamt
Webseite Gedenkstätte: www.refugius.at
Die Gedenkstätte Kreuzstadl ist ganzjährig zu besichtigen
Videokanal „Vertrieben“: vimeo.com/channels/vertrieben

Die Gedenkstätte Kreuzstadl bei Rechnitz

Kurz vor Kriegsende, im März 1945, wurden 200 ungarische jüdische Zwangsarbeiter in der Nähe des Kreuzstadls, außerhalb des Ortsgebietes von Rechnitz, ermordet. Die Ruine des Kreuzstadls wurde zu einer symbolischen Gedenkstätte für ein grauenvolles Verbrechen und für die Verdrängung nach Kriegsende.
Die Gedenkstätte Kreuzstadl erinnert nicht nur an die in seiner Nähe ermordeten ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter, sondern steht auch stellvertretend für eine überregionale Gedenkkultur. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass in vielen größeren und kleineren Orten entlang der Grenze, teils auch auf ungarischem Gebiet, Menschen bei Schanzarbeiten für den Südostwall oder auf den sogenannten Todesmärschen ermordet worden sind.

A-7471 Rechnitz, B56 Geschriebensteinstraße (gegenüber Billa)
Öffnungszeiten des Museums: ganzjährig und jederzeit frei zugänglich
Webseite: www.refugius.at
Persönliche Führungen auf Anfrage: info@refugius.at

Die Gedenkinitiative RE.F.U.G.I.U.S. (Rechnitz)

Der Verein RE.F.U.G.I.U.S. – Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiative – sorgte in 20-jähriger Arbeit dafür, dass der Kreuzstadl heute eine Gedenkstätte für die in der Nähe des Gebäudes erschossenen ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter ist, und darüber hinaus für die vielen Menschen, die entlang der burgenländischen Grenze, auch auf ungarischem Gebiet ermordet wurden. Am 25. März 2012 konnte das Mahnmal um einen Informations- und Dokumentationsbereich erweitert und zum Ort der Vermittlung ausgestaltet werden.

Kontakt: RE.F.U.G.I.U.S. - Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiative
Telefon: +43 (0)3352 33940
E-Mail: info@refugius.at
Webseite: www.refugius.at

Publikationen in Auswahl

[1] Lang, Alfred / Tobler, Barbara / Tschögl, Gert (Hg.): Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen. Wien 2004.
[2] Polster, Gert: Die Entwicklung der israelitischen Kultusgemeinden Güssing, Rechnitz und Stadtschlaining in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts [2010]. Artikel im Internet
[3] Temmel, Johann: Die jüdische Gemeinde in Rechnitz. In: Gombos, Georg/Gruber, Christiane/ Teuschler, Christine (Hg.): „und da sind sie auf einmal dagewesen“. Oberwart 1992, S. 68-107.