Die jüdische Gemeinde
Oberwart

Die jüngste Kultusgemeinde

Titelbild Oberwart

Bis in das zweite Drittel des 19. Jahrhunderts genossen jüdische Familien im Südburgenland das Wohnrecht nur in Orten des Herrschaftsbereichs der Adelsfamilie Batthyány. Erst mit dem „Israelitengesetz“ 1867 in Ungarn durften sie sich außerhalb dieser Orte ansiedeln. So auch in Oberwart, das als aufstrebender Ort der Region für die Ansiedlung attraktiv war.
Seit 1868 gab es in Oberwart eine Filialgemeinde der israelitischen Kultusgemeinde Schlaining. Die Zahl der jüdischen OberwarterInnen stieg auf 101 im Jahr 1890. Im gleichen Zeitraum sank die Zahl jüdischer Familien in Stadtschlaining. Mit dem Anstieg der Oberwarter Mitglieder forderten diese nun auch das Recht auf Bildung einer eigenständigen Kultusgemeinde. Im Jahr 1904 wurde die Synagoge errichtet, in dessen Gebäude sich heute die Musikschule befindet. Aber auch religiöse Gründe trieben den Loslösungsprozess von Schlaining voran. Liberal ausgerichtete OberwarterInnen standen den religiös konservativen Schlaininger Gemeindemitgliedern gegenüber. Im Jahr 1923 kündigte Rabbiner Felix Blau aus Schlaining seine dortige Anstellung und übersiedelte in die Filialgemeinde nach Oberwart. Schließlich wurde 1930 die Filialgemeinde Oberwart als eigenständige israelitische Kultusgemeinde von der Bezirkshauptmannschaft anerkannt.
Die NS-Machtübernahme im März 1938 bedeutete das Ende der jüngsten Kultusgemeinde des Burgenlandes und des jüdischen Lebens in Oberwart. Noch am Abend des 11. März verlangten SA-Männer aus Oberwart Einlass in die Wohnungen jüdischer Familien und verhafteten die Männer, um sie zu verhören. Unter Drohungen und mit körperlicher Gewalt wurden sie und ihre Familien zum Verlassen des Ortes gezwungen. Einige wurden erniedrigt und genötigt, unter der Aufsicht der Nationalsozialisten am Hauptplatz die Straße zu reinigen. Die meisten jüdischen Familien Oberwarts flüchteten zunächst nach Wien, wo sie bei Familienangehörigen Zuflucht fanden und von dort die Emigration und Flucht ins rettende Ausland betrieben.
Nach den „Nürnberger Rassengesetzen“ der Nationalsozialisten wurden in Oberwart 141 Personen als „jüdisch“ angesehen. Bislang hat die Forschung 41 aus diesem Grund verfolgte und ermordete OberwarterInnen identifiziert. Von 42 ist dokumentiert, dass sie rechtzeitig ins Ausland fliehen und überleben konnten. Von den restlichen 58 OberwarterInnen weiß man bis heute nichts über deren Verbleib.


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Kurze Beschreibung des Rundganges

2015 wurde in Oberwart ein Gedenkweg errichtet, der an alle Oberwarter Opfer des Nationalsozialismus erinnern soll. Jeder dieser Orte erzählt auf Texttafeln stellvertretend die Geschichte verschiedener Opfergruppen. Jede Tafel steht für Menschen, die einst Mitglieder der Oberwarter Gesellschaft waren und in der NS-Zeit aus dieser ausgeschlossen und vertrieben oder ermordet wurden.
Der Gedenkweg startet beim Rathaus mit allgemeinen Informationen (Station 1). Bei der Bezirkshauptmannschaft wird der jüdischen Bevölkerung Oberwarts gedacht (Station 2). Von da gelangt man den Stadtpark querend zum Bahnhof, wo an alle Opfer des Nationalsozialismus erinnert wird (Station 3). Beim Standort des ehemaligen Gendarmeriegebäudes finden sich Texte über die verfolgten Oberwarter Romnija und Roma (Station 4). Über die Wienerstraße geht man zurück und kommt zum Bezirksgericht, wo eine Tafel an die Opfer der politisch Verfolgten aus Oberwart erinnert (Station 5). Auf der Steinamangerer Straße biegt man nach etwa 300 m in die Spitalgasse zum ehemaligen Krankenhaus ab, wo die letzte Station an die Opfer der NS-Medizin erinnert (Station 6).
Neben diesem Gedenkweg bieten sich noch der jüdische Friedhof in der Linken Bahnzeile (neben dem Evangelischen Friedhof), das Synagogengebäude (heute Musikschule) in der Ambrosigasse Nr. 13 und das ehemalige Rabbinerhaus auf Nr. 15 als Erweiterung des Rundganges an. Ein Interview mit dem 1938 vertriebenen Oberwarter Joseph P. Weber ist am Videokanal „Vertrieben“ zu sehen, sowie ein weiteres mit der aus Pinkafeld stammenden Alice Howson.

Webseite Gedenkweg: www.gedenkweg.at
Videokanal „Vertrieben“: vimeo.com/channels/vertrieben
Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge Oberwart: publik.tuwien.ac.at/files/PubDat_239223.pdf
Das Eingangstor zum jüdischen Friedhof ist ganzjährig geöffnet

Inititaive Gedenkweg Oberwart

Die Initiative bestehend aus mehreren Vereinen und Institutionen begann 2013 mit der Planung eines Gedenkweges für die Opfer des Nationalsozialismus in Oberwart, der im Jahr 2015 fertiggestellt wurde. An der Realisierung waren beteiligt: Verein RE.F.U.G.I.U.S. | Evangelische Pfarrgemeinde A.B. Oberwart | Stadtgemeinde Oberwart | Burgenländische Forschungsgesellschaft | Burgenländische Volkshochschulen | Volkshochschule der Burgenländischen Roma | OHO – Offenes Haus Oberwart | K.B.K. – Kultur.Bildung.Kunst

Kontakt: RE.F.U.G.I.U.S. - Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiative
Telefon: +43 (0)3352 33940
E-Mail: info@refugius.at
Webseite: www.refugius.at

Publikationen in Auswahl

[1] Hosemann, Simon: Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Oberwart/Felsoor. Dipl. Arbeit an der Technischen Universität Wien. Wien 2015. Publikation Online
[2] Lang, Alfred / Tobler, Barbara / Tschögl, Gert (Hg.): Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen. Wien 2004.
[3] Mindler, Ursula: „Ich hätte viel zu erzählen, aber dazu sage ich nichts…“ – Oberwart 1938. Oberwart 2008.
[4] Mindler, Ursula:Grenz-Setzungen im Zusammenleben. Verortungen jüdischer Geschichte in der Provinz am Beispiel Oberwart/Felsoor. Innsbruck/Wien/Bozen 2011.
[5] Mindler, Ursula: Die jüdische Gemeinde von Oberwart/ Felsoor. Oberwart 2013.
[6] Tschögl, Gert: Geschichte der Juden in Oberwart. In: Baumgartner, Gerhard/Müllner, Eva/Münz, Rainer (Hg.): Identität und Lebenswelt. Ethnische, religiöse und kulturelle Vielfalt im Burgenland. (= Tagungsband der Burgenländischen Forschungsgesellschaft). Eisenstadt 1989, S. 116-127.