Die jüdische Gemeinde Kobersdorf

Waldfriedhof und Synagoge

Titelbild Kobersdorf

Die ersten jüdischen BewohnerInnen in Kobersdorf sind ab 1527/28 überliefert, als nach der Niederlage des ungarischen Heeres gegen das osmanische Heer in der Schlacht von Mohács (1526) die aus Sopron vertriebenen Juden und Jüdinnen in Kobersdorf Zuflucht fanden. Im Jahr 1585 zählte die Gemeinde 19 jüdische Familien in sieben Häusern. So wie Eisenstadt und Mattersburg scheint Kobersdorf im 17. Jahrhundert eine voll ausgebildete Gemeinde mit Synagoge, Friedhof, Rabbiner, Schächter, Schulsinger und Gemeindegericht gewesen zu sein. 1704 gelangte die Herrschaft Kobersdorf in den Besitz der Familie Esterházy, die jüdische Gemeinde wurde zu einer der „Sieben Gemeinden“. Im Jahr 1828 lebten 746 jüdische EinwohnerInnen in Kobersdorf, 1938 waren es 219.
Das jüdische Viertel lag viertelkreisförmig an der Westseite des Schlosses. Der eng verbaute, älteste Teil befand sich zwischen Schloss und dem Schwarzenbach. Im 18. Jahrhundert erfolgte eine Erweiterung dieses Wohnviertels in nordwestlicher Richtung in der heutigen Neugasse. Nach dem Brand des alten Bethauses 1857 wurde 1860 an anderer Stelle eine neue Synagoge errichtet, die ostseitige Fassade zum Schloss ausgerichtet. Die Synagoge zählt neben jener in Stadtschlaining, Oberwart und der Privat-Synagoge der Familie Wolf in Eisenstadt, zu den bis heute baulich erhaltenen Synagogen des Burgenlandes. An einem Berghang an der Westseite des Ortes liegt der jüdische Friedhof mit 600 Grabsteinen. In einem Waldstück gelegen gehört er zu den stimmungsvollsten jüdischen Friedhöfen des Burgenlandes.
In den Tagen der Machtübernahme der Nationalsozialisten kam es auch in Kobersdorf zu Ausschreitungen gegen jüdische Familien. SA-Männer zwangen Juden bei der Brücke über den Schwarzenbach die Straße aufzuwaschen. Die Verhafteten wurden in das Gefängnis von Oberpullendorf gebracht und dort gezwungen, Verzichtserklärungen über ihr gesamtes Vermögen zu unterschreiben. Unter Drohungen und meist auch körperlicher Gewalt wurden sie aufgefordert, mit ihren Familien das Burgenland zu verlassen. Die Immobilien wurden beschlagnahmt und „arisiert“. Im Sommer 1938 befanden sich keine Juden und Jüdinnen mehr in Kobersdorf. Die Zahl jener, welche die Shoah überlebt haben, geht nur aus einer Schätzung hervor. Von den etwa 219 jüdischen BürgerInnen von Kobersdorf, dürften etwa 160 nicht überlebt haben. Nach 1945 kehrten nur mehr drei Juden und Jüdinnen zurück.


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Kurze Beschreibung des Rundganges

Der Rundgang beginnt am Ende der Schlossgasse bei der Gabelung mit der Florianigasse. Hier wurde im September 2017 das Mahnmal für die Kobersdorfer Juden und Jüdinnen errichtet. Der Entwurf stammt von Prof. Ernst Fuchs aus dem Jahre 2013. Er hatte familiäre Wurzeln in Kobersdorf. In der Schlossgasse befindet sich auf Nr. 27 das Haus des Gemischtwarenhändlers Max Alt. Im Anschluss daran kommen wir zur Synagoge, die zurzeit nicht besucht werden kann. Sie ist eine der vier im Burgenland erhaltenen Synagogen. Vorbei an der Schlossgasse Nr. 23, wo Bendikt Hacker eine koschere Fleischerei betrieb, und der Nr. 15, dem koscheren Gasthaus, passieren wir nun das Haus Schlossgasse Nr. 11. Auf diesem Grundstück standen bachseitig die heute nicht mehr existierenden Gebäude der Israelitischen Volksschule und der ersten Synagoge mit der Mikwa. Die Gemischtwarenhandlung Goldschmid war im noch erhaltenen Gebäude des Hauses Nr. 9 untergebracht. Nun gelangt man zur Waldgasse, wo sich auf Nr. 7 das Stammhaus des weltbekannten Malers und Graphikers Prof. Ernst Fuchs befindet. Die Waldgasse führt bis zum jüdischen Friedhof, dem Endpunkt des Rundganges.

Das Eingangstor zum jüdischen Friedhof ist ganzjährig geöffnet

Verein „Gedenken an die im Jahr 1938 vertriebenen jüdischen Einwohner von Kobersdorf – Mahnmal

Der Verein wurde mit dem Ziel gegründet, für ehemaligen jüdischen KobersdorferInnen ein würdiges Mahnmal zu errichten, welches im September 2017 eröffnet wurde. Der Entwurf stammt vom Maler und Graphiker Prof. Ernst Fuchs. Der Verein organisiert auch Veranstaltungen zur jüdischen Geschichte und bietet geführte Rundgänge in Kobersdorf an.

Kontakt: Verein Gedenken an die im Jahr 1938 vertriebenen jüdischen Einwohner von Kobersdorf – Mahnmal | Erwin Hausensteiner
Telefon: +43 (0)2618 8142
E-Mail: erwin.hausensteiner@aon.at

„Verein zur Erhaltung und kulturellen Nutzung der Synagoge Kobersdorf“

Der „Verein zur Erhaltung und kulturellen Nutzung der Synagoge Kobersdorf“ bemüht sich um die bauliche Erhaltung der Synagoge und führt jedes Jahr die Veranstaltungsreihe „Kultur im Tempel“ durch. Die Besichtigung der Synagoge ist zur Zeit nicht möglich.

Publikationen in Auswahl

[1] Hausensteiner, Erwin J.: Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf. Ein Buch der Erinnerung. [Kobersdorf 2008].
[2] Lang, Alfred / Tobler, Barbara / Tschögl, Gert (Hg.): Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen. Wien 2004.
[3] Magnus, Naama G.: Auf verwehten Spuren. Das jüdische Erbe im Burgenland. Teil 1 Nord- und Mittelburgenland. Wien 2013.
[4] Reiss, Johannes (Hg.): Aus den Sieben Gemeinden. Ein Lesebuch über Juden im Burgenland. Eisenstadt [1997].