Die jüdische Gemeinde
Kittsee

Die Nördlichste Kultusgemeinde

Titelbild Kittsee

Die Anfänge der jüdischen Gemeinde von Kittsee reichen in das 17. Jahrhundert. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts gehörte sie zu den Fürstlich Estherházyschen „Sieben-Gemeinden“. Den Höchststand jüdischer Bevölkerung erreichte Kittsee im Jahr 1821 mit 789 Personen jüdischen Glaubens. In den Folgejahren kam es aus ökonomischen Gründen zu einer Abwanderung. Im Jahr der Volkszählung 1934 lebten nur mehr 62 Juden und Jüdinnen hier.
Zunächst lag das jüdische Viertel Kittsees in der Herrengasse zwischen der „Alten Burg“ und der Synagoge. Hier wurde im Jahr 1831 der berühmte Geiger und Komponist Joseph Joachim geboren. Am jüdischen Friedhof von Kittsee, direkt an die Burg angelegt, findet sich auch das Grab von Chajjim ben Ascher Anschel aus Kittsee, berühmt durch seine illustrierte Pesach-Haggada (1770). In der Zwischenkriegszeit befand sich der Großteil der Geschäfte jüdischer Kaufleute entlang der Hauptstraße und am Hauptplatz.
In der Nacht des 16. April 1938 holte die GESTAPO alle Juden und Jüdinnen aus Kittsee aus ihren Betten. Nach ihrer Registrierung setzte man sie noch in der Nacht auf einer Insel in der Donau bei Theben (Devin) aus. Nach Intervention der Kultusgemeinde in Bratislava, wurden sie zunächst auf einem Gutshof im Dreiländereck Ungarn-Tschechoslowakei-Deutsches Reich untergebracht, wo sie kurze Zeit bleiben durften. Schließlich konnten die vertriebenen Familien Unterschlupf auf einem französischen Schleppboot finden, wo sie vier Monate in den Donauauen ausharrten. Dem Vizepräsidenten der Orthodoxen-Israelitischen Kultusgemeinde Preßburgs, Aron Grünhut, gelang es die nötigen Reisedokumente zu besorgen. So ermöglichte er den letzten jüdischen Familien von Kittsee die Flucht bis nach China, in die USA und nach Palästina. Einzig Rabbiner Armin Zwi Perles (gest.1943 in Nové Mesto nad Váhom), seine Frau (1944 in Auschwitz ermordet) und Helene Zopf (gest. 1938 in Bratislava) verblieben in der Slowakei.
Wie viele der etwa 60 im März 1938 in Kittsee wohnenden Juden und Jüdinnen die Shoah nicht überlebt haben, ist nach wie vor nicht genau bekannt. Verarbeitet haben diese Ereignisse Aron Grünhut im 1972 im Selbstverlag erschienenen Buch „Katastrophenzeit des slowakischen Judentums“, und der jüdische Arzt, Kommunist und Erfolgsautor Friedrich Wolf in seinem Drama „Das Schiff auf der Donau. Ein Drama aus der Zeit der Okkupation Österreichs durch die Nazis“.


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Kurze Beschreibung des Rundganges

Der Rundgang beginnt beim Gasthaus Leban in der Unteren Hauptstraße Nr. 41, das die jüdische Familie Reisner bis 1938 führte. Über die Krachgasse, wo sich auf Nr. 7 der Gemischtwarenladen der Familie Reisner und Dux befand, führt der Weg über das Schattendörfl. Auf Nr. 33 war die Geflügel- und Schweinemästerei Dux. Der Straße folgend kommt man bei Nr. 7 zum ehemaligen Armenhaus („Hekdesch“), das von der israelitischen Kultusgemeinde bis 1921 betrieben wurde. Nun gelangt man in die Herrengasse, wo am Grundstück Nr. 15 die Synagoge und das Rabbinerhaus standen. Nach 1945 kamen die Gebäude ins Eigentum der israelitischen Kultusgemeinde Wien als Rechtsnachfolgerin. Im Jahr 1950 ließ sie das Gebäude abreißen und verkaufte das Grundstück. Eine Gedenktafel an der Grundstücksmauer erinnert an den Standort und die jüdischen Opfer von Kittsee. Die Herrengasse Richtung Norden gehend kommt man zur Preßburger Straße, wo sich auf Nr. 1 eine Gedenktafel am Geburtshaus des Musikers Maurus (Moritz) Knapp (1905-1990) befindet. Im Nachbarhaus waren bis 1895 die koschere Fleischbank und eine Branntweinbrennerei untergebracht. In Richtung Hauptplatz gehend gelangt man zum Haus Joseph Joachimplatz 7, dem Geburtshaus des bekannten Violinisten, Dirigenten und Komponisten Joseph Joachim (1831-1907). Am anschließenden Hauptplatz befanden sich zahlreiche Geschäfte vertriebener Juden und Jüdinnen: das Kaufhaus Zopf (Nr. 21), die Apotheke von Julius und Regina Engels auf Nr. 5 (heute Salvator-Apotheke), die Praxis von Zahnarzt Alfred Balassa (Nr. 32), der Gemischtwarenhandel von Helene Morgenstern (Nr. 24) und das Geschäft der Familie Singer (Nr. 35). Geht man zurück zur Preßburger Straße und biegt Am Schanzl links ab, führt der Weg zum jüdischen Friedhof, dem Endpunkt des Rundganges.

Entlehnung des Schlüssels zum jüdischen Friedhof:
Informationen erteilt OSR. Irmgard Jurkovich auf vorherige Anfrage | +43 (0)2143 2454 | irmjojur@hotmail.com
Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge Kittsee: publik.tuwien.ac.at/files/PubDat_245010.pdf

Irmgard Jurkovich – Initiatorin des Gedenkens in Kittsee

Initiatorin des Gedenkens und Erinnerns an die ehemalige jüdische Gemeinde in Kittsee ist
OSR Irmgard Jurkovich, HS-Direktorin i.R. Im Schuljahr 1981/82 begann sie an der Hauptschule in Kittsee Projekte zur lokalen jüdischen Geschichte mit SchülerInnen durchzuführen und organisiert bis heute jährliche Gedenkveranstaltungen in Kittsee. Auf ihre Initiative wurde 2008 in der Gemeinde der Entschluss gefasst, eine Gedenktafel an der Adresse Herrengasse 15, dem Standort der ehemaligen Synagoge, anzubringen, die an die Opfer und Verfolgten der jüdischen Gemeinde erinnert. Anlässlich des Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2015 wurde eine Gedenktafel am Geburtshaus des Musikers Maurus (Moritz) Knapp enthüllt. Irmgard Jurkovich erhielt für ihre Verdienste zum Gedenken und Erinnern an die Verfolgten, das Goldenen Ehrenzeichen der Gemeinde Kittsee verliehen.

Kontakt: OSR Irmgard Jurkovich
Telefon: +43 (0)2143 2454
E-Mail: irmjojur@hotmail.com

Publikationen in Auswahl

[1] Magnus, Naama G.: Auf verwehten Spuren. Das jüdische Erbe im Burgenland. Teil 1 Nord- und Mittelburgenland. Wien 2013.
[2] Österreichisches Museum f. Volkskunde (Hg): Zerstörte jüdische Gemeinden im Burgenland - eine Spurensicherung am Beispiel Kittsee. Kittseer Schriften zur Volkskunde. Begleitvorträge zur Ausstellung vom 13. Dezember 2003 bis 7. März 2004 im EMK. Kittsee 2005.
[3] Reiss, Johannes (Hg.): Aus den Sieben Gemeinden. Ein Lesebuch über Juden im Burgenland. Eisenstadt [1997].
[4] Schmidt, Silvia Maria: Das Schicksal der Juden im Bezirk Neusiedl am See. 1938 - 1945. Dipl. Arb. Universität Wien 2010. Publikation Online
[4] Waltenberger, Theresa: Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Kittsee. Dipl. Arbeit an der Technischen Universität Wien. Wien 2015. Publikation Online